Tassen und Eimer

Ich fragte Kind1 neulich, ob er denn gerne einmal wissen würde, wie er denn das Aspergersyndrom einem Freund erklären kann, wenn dieser fragt. An der ablehnenden Reaktion seinerseits merkte ich recht schnell: Er hatte es selber noch nicht in der Tiefe verstanden, und das war ihm peinlich. Dann etwas zu erklären, das fällt ihm sowieso immer sehr schwer, aber so war es unmöglich.

Ich beruhigte ihn schnell- er müsse das sich natürlich nicht selber ausdenken, ich würde es ihm erklären. Puh, was ein Glück, ja, bitte Mama, das möchte ich gerne wissen!

Stell dir vor, Kind1, Du hast eine Tasse. In diese Tasse kommen alle äußeren Reize hinein. Alles also, was man wahrnehmen kann über die Sinnesorgane. Hören, riechen, schmecken, fühlen, sehen.

Wenn Du jetzt also irgendwo hin gehst, wo viele Reize auf Dich einströmen, dann ist Deine Tasse ziemlich bald voll. Wenn dann noch ein weiterer Reiz dazu kommt, oder auch nur Kritik, soziale Reize, dann läuft die Tasse über. Wenn das passiert, dann weißt Du Dir nicht mehr anders zu helfen, und sehr oft reagierst Du mit einem Wutausbruch, weil es bisher das einzige ist, mit dem Du Deine Überreizung zum Ausdruck bringen kannst. Das, was Deine Tasse zum überlaufen bringen kann, kann nur ganz winzig sein, ein Blick, ein Ton, wenn etwas nicht so läuft, wie Du es Dir gedacht hast.

„Normale“ Menschen, oder sagen wir lieber Nichtautisten (in Autistenkreisen Neurotypische genannt)haben keine Tasse, NT (Neurotypische) haben einen ganzen Eimer. Bis so ein Eimer voll ist, dauert es natürlich viel länger.

Außerdem haben NT Leute noch einen weiteren Vorteil: Oben auf dem Eimer, da sitzt ein Sieb. Dieser Sieb ist für Reize durchlässig, aber nur die, die grade von Bedeutung sind, werden duchgelassen. Alle anderen, wie zum Beispiel Hintergrundgeräusche, Lichtreize, seltsame Gerüche, die JETZT GRADE nicht wichtig für die Leute sind, werden abgeblockt. Nur das wichtigste kommt in diesen Eimer hinein.

Du hast kein solches Sieb, alle Reize um Dich herum strömen sofort in Deine Tasse hinein, und füllen sie in Rekordzeit. Das heisst, Dein Kopf kann nicht unterscheiden was wichtig ist und was nicht. Wenn dann alles zu viel geworden ist, dann kannst Du auch nichts mehr aufnehmen, kannst Dich nicht mehr konzentrieren.

Dann gibt es noch einen anderen Punkt, an dem Autisten Schwierigkeiten haben, und das ist das Erkennen von sozialen Signalen.

Klar, Du weißt, dass jemand fröhlich ist wenn er lacht, traurig ist wenn er weint, und wenn er schimpft ist er höchstwahrscheinlich wütend. Das hast Du gelernt, das kannst Du erkennen.

Wenn jetzt aber jemand ganz freundlich lächelt, und auch schon mal lacht, dann merkst Du als Autist nicht, dass die Person vielleicht auch gleichzeitig traurig sein kann. Menschen senden außer den offensichtlichen auch noch weitere Signale aus, an denen andere die Gefühle erkennen können. NTs können das ganz instinktiv, schon vom Kleinkindalter an. Autisten können das nur versuchen zu lernen und zu interpretieren, mit ihren Gedanken und dem, was sie schon gelernt haben bisher. Aber oft liegt man einfach auch daneben…

Das kannst Du Dir so ungefähr vorstellen wie bei Katzen und Hunden. Hunde wedeln mit dem Schwanz, wenn sie zeigen, dass sie sich freuen und vielleicht auch Spielen wollen. Katzen wedeln mit dem Schwanz, um den Gegenüber zu warnen: Ich bin sauer und ich kratze dich gleich, wenn Du mich nicht bald in Ruhe lässt. Der Hund sieht dann den wedelnden Schwanz bei der Katze, denkt, sie will spielen,und springt so lange um die Katze herum, bis er von ihr eine geknallt bekommt. Der Hund steht dann verwirrt da: Was habe ich falsch gemacht?? Warum ist die Katze jetzt sauer auf mich?

Katzen und Hunde haben aber einen Nachteil: Sie können keine Worte benutzen um mal nachzufragen, wie etwas gemeint ist. Wir können einfach fragen: Kannst Du mir bitte sagen, wie Du das meinst? Und dann können wir von unserem Gegenüber Antworten bekommen, die wir besser verstehen können. Gut, oder?

Das ist überhaupt das tolle an Autisten: Sie können super logisch denken! Eine logische Erklärung von jemand anderem, und man versteht plötzlich alles viel besser!

Um das ganze zu üben, ging Kind1 kurz danach zum Herrn Gatten und erklärte es ihm. Herr Gatte war beeindruckt und zufrieden, und Kind1 ebenfalls.

Lustig war es dann, als ich Kind2 später von den Eimern und Tassen erzählte, um ihr zu erklären, was im Moment bei uns vorgeht… und kurz danach lief sie zum Herrn Gatten und fragte nach: „Papa, hast Du eigentlich einen Eimer?“ Gut, dass er schon eingeweiht war, da war die Verwirrung nur sehr kurz 😉

Kind1 ist jetzt jedenfalls sehr glücklich, eine kurze und knappe und einfache Erklärung zu haben, falls er einmal in die Verlegenheit kommen sollte, alles erklären zu müssen. Finde ich gut!

Tassen und Eimer

Was sticht

„Klar, wenn man dauernd guckt was falsch sein könnte, dann findet man auch was“

„Aspergersyndrom? Halte ich nix von. Da hat die Erziehung bloß versagt!“

„Mann kann sich alles zurechtbiegen bis es passt“

„Echt, Dein Kind ist ein Aspie? Aber der ist doch so nett!“

„Andere Kinder machen das doch auch, das ist doch nix schlimmes!“

„Du übertreibst!“

Habe ich mir über in letzter Zeit oft anhören müssen, seit ich meine Gedanken bezüglich eines eventuellen, jetzt bestätigten Aspergerverdachts laut geäußert habe. Ich wusste zwar, dass Leute so reagieren, habe es ja bei meinen Nachbarn oft gesehen. Dass das aber von nahestehenden Personen kommt, das sticht. Sogar der Herr Gatte war extrem skeptisch und hat mich schräg angeschaut. *

Das ist ein Grund, warum ich so lange das Maul nicht aufgemacht habe. Nur bei sehr guten Freunden habe ich mich getraut, ganz leise die Idee zu äußern.

Ich habe mich sehr ausgiebig mit dem Thema beschäftigt. Ich hab das Internet durchforstet, ich habe Vergleiche gezogen, ich habe in Gesprächen mit der Nachbarin gut zugehört und versucht, das mit unserer Situation zu vergleichen.

Dann, als ich mir etwas sicherer war, habe ich mich erst getraut, meine Nachbarin, als Expertin sozusagen, mit ins Boot zu ziehen.

An einem Elternsprechtag von Kind1habe ich dann irgendwann einfach mal gedacht- was kann es schon schaden?- und habe mich der Lehrerin anvertraut – zumindest, was Kind1 angeht.

Von beiden Seiten habe ich die moralische Unterstützung bekommen, die ich gebraucht habe.

Ich habe angefangen, Fachliteratur zu lesen, und auch wieder verglichen: Was passt auf mich, was passt auf Kind1? Was passt auf keinen von uns? Wie viele Übereinstimmungen gibt es? Genug, dass man sagen kann: „Jep, an meinem Verdacht scheint etwas dran zu sein!“?

Und es gab Übereinstimmungen.

Ich las das Buch „Ein Leben mit dem Aspergersyndrom“ von Tony Attwood, was in Fachkreisen empfohlen wurde, und ich hatte entweder Nackenschmerzen vom vielen Nicken, oder brennende Augen, weil ich immer wieder in Tränen ausgebrochen bin. Ich habe so viele Schwierigkeiten von mir gefunden, die plötzlich eine logische Erklärung hatten, so viele Stellen, an denen ich Kind1 und mich wiedergefunden habe, und dann auch nur Dinge, die ich beim Sohn beobachte. Außerdem fand ich sogar im Buch viele Eigenarten von mir und Kind1, die nicht schlimm sind, sondern eher nur lustig (weil sie nicht einschränken, sondern eher Spleens sind), und ich amüsierte mich über mich selber.

Kurzum: Es passte sehr viel, und so langsam wurde ich zum „Experten“ . Ich weiß, das ist übertrieben, aber ich wage zu behaupten, dass ich mehr Ahnung darüber habe als Familie Müllermeierschmidt.

Jetzt stellt sich Familie Müllermeierschmidt allerdings vor mich und sagt: „Klar, wenn man lang genug sucht kann man immer irgendwas finden, um sich ein Syndrom anzudichten!“ Oder: „Andere Kinder machen das doch auch, warum soll grade Deins jetzt anders sein?“

Ja, aber das ist es doch grade. ICH war mein ganzes Leben „irgendwie anders“, konnte mir nichts erklären, aber habe- ganz aspergertypisch, wie ich jetzt erfahren habe- nie etwas zu anderen gesagt. Ich habe versucht, alles für mich selber auszumachen, ich habe nicht einmal meinen Eltern etwas gesagt.

Dann bekomme ich plötzlich eine Bestätigung: Hey, Du bist halt so, weil das Gehirn anders verdrahtet ist als das von anderen.

Plötzlich ergibt sich ein Bild, ich fühle mich nicht mehr wie jemanden, den mal eigentlich nicht mögen kann. Das erste Mal in meinem Leben traue ich mich, etwas zu sagen, andere auch darauf hinzuweisen, was anders ist. Vor allem gerne auf die lustigen Spleens (Ich glaube, das erzähle ich ein anderes Mal, das sprengt sonst alles hier 😉 ).

Was weh tut ist, dass dadurch, dass ich mich besser akzeptieren kann, andere denken, ich wolle mich produzieren. Oder meinen Sohn vor anderen bevorzugen lassen, mit Spezialbehandlung.

Ich bin anders, Kind1 ist anders. Wir müssen für uns lernen, mit dem Wissen umzugehen- aber auch diejenigen, die mit uns zu tun haben, dürfen das wissen. Man soll uns nicht anders behandeln als vorher, Samthandschuhe und so, aber ich würde mich freuen, wenn auch andere, die uns nahestehen, wüssten, warum wir soundso reagieren, und wenigstens versuchen, uns zu verstehen. Was wir nicht brauchen können ist, dass uns vorgeworfen wird zu Simulieren.

Tun wir nicht. Echt nicht.

Und wem es hilft, der darf über unsere Spleens gerne lachen. Mit uns zusammen!

*Der Herr Gatte hat uns aber, als es ans Eingemachte ging, unterstützt und vertraut und machen lassen, obwohl er immer noch skeptisch war. Sowas hilft!

Was sticht

Taddaaa, da ist sie.

Die offizielle Diagnose.

Kind1 hat das Aspergersyndrom.

Nicht, dass es für mich eine Überraschung gewesen wäre, alles andere hätte mich überrascht. Das hier nicht.

Wir hatten einen Familienaufenthalt im Kinderneurologischen Zentrum, Montag zogen wir dort in der Eltern-Kind-Station der Klinik ein. Zuerst alle in ein 4-Bett Zimmer. Leider gibt es keine größeren Zimmer, aber das war uns von Anfang an klar. Zum Glück für uns und unsere Nerven ist eine Familie abgesprungen und wir bekamen ein zweites, dass Kind1 und ich bezogen, während der Herr Gatte mit Kindern 2 und 3 im eigentlichen Zimmer blieb

Wie erwartet war es trotzdem anstrengend (Termine für Kind1 und/oder Eltern), aber auch irgendwie nicht (langweilig, weil was tun zwischen den Terminen?), wieder anstrengend (ein ziemlich agressives Kleinkind, vor dem  alle anderen Kinder -berechtigter Weise-  Angst hatten o.O ), wieder langweilig… und aufregend.

Kind3 hatte Glück, es gab ein Kind, dass etwas älter war als er, und die zwei haben sich so blendend verstanden, dass sie immer miteinander gespielt haben wenn keine Termine anstanden. Kind 2 hat sich viele Bücher angeguckt und in den Zeiten, in denen sie von der Stationsschwester betreut wurden, weil Herr Gatte und ich Termine hatten, durfte sie basteln und malen.

Kind1 musste dann natürlich ran. Getestet wurde er, mit Fragebögen, Bildern, er musste erzählen, aber er durfte auch Spielsachen benutzen. Er durfte über seine Spezialinteressen berichten, durfte sogar sein Handy mal zeigen mit einem Spiel- nur ganz kurz mal, natürlich.

Herr Gatte und ich wurden von Psychologinnen und Psychotherapeutinnen gelöchert, und wir mussten unsere Sicht der Dinge dazu beitragen.

Heute dann das Abschlussgespräch. Alle drei Damen aus dem Fachkräfteteam saßen mit Superpapa und mir zusammen.

Man sei sich sehr schnell einig geworden, dass bei Kind1 tatsächlich ein Aspergersyndrom vorliege, es sprächen doch sehr viele Punkte dafür. Man gab uns Tipps wie wir Hilfe bekommen könnten, sagte uns, dass Kind1 keine wöchentlichen Therapien benötige (was dieser hinterher mit großer Erleichterung zur Kenntnis genommen hat), und bestätigte noch einmal dass die Wahl des Gymnasiums für ihn von kognitiver Ebene her definitiv die richtige war- er glänzte im Intelligenztest. Letzteres auch nichts überraschendes, aber das Mutterherz schwillt an vor Stolz auf das intelligente Kind 😉 Autismus hat eben auch seine guten Seiten!

Was beim Intelligenztest allerdings unterdurchschnittlich abgeschnitten ist, war das Erkennen sozialer Strukturen und Handlungen, und die Reaktion darauf. Auch das war nicht überraschend für mich, denn das ist ja grade eines seiner größeren Probleme, und eben eines der Probleme am Aspergersyndrom.

Wie gesagt, die Diagnose war für mich allgemein tatsächlich keine Überraschung. Trotzdem war ich beim Abschlussgespräch sehr aufgeregt, dass mir Anfangs die Stimme versagte. Obwohl uns die Psychologin schon am Tag zuvor gesagt hat, dass sie meiner Vermutung zustimmt.

Jetzt ist es offiziell.

Kind1 hat das Aspergersyndrom.

Und ich freue mich darüber, dass wir einen ganz offiziell diagnostizierten Namen haben, und kein „vielleicht ist es das ja…?“

Wir kriegen das hin!

(Und jetzt die nächsten Schritte… 😉 )

Taddaaa, da ist sie.

„Und wann hast Du gemerkt, dass Du anders bist als andere?“

Erstmal garnicht, die anderen waren eigentlich eher irgendwie komisch 😉

Ich hatte als Kind -Grundschulalter- immer Freunde, nicht viele, aber nie so wenige dass ich keinen zum Spielen gehabt hätte. So lange ich mit nur einem Kind gespielt habe war alles okay, aber es hat ganz oft nicht geklappt, wenn eine weitere Freundin dazu gekommen ist.

Sobald mehr als ein Kind anwesend war, wusste ich nicht mehr so richtig weiter. Irgendwie gab es IMMER Zank. Und wenn Kinder in Rudeln auftraten, wie zum Beispiel in der Klasse, saß ich oft ratlos daneben und wusste nicht, wie ich zum Rudel dazugehören könnte.

Ich erinnere mich daran, dass man in der Klasse um das Alphaweibchen 😉 herumsaß und gemeinsam Schlager sang, weil sie eben auf Schlager stand. Ich kannte ganz viele Lieder nicht und war, wie sonst auch immer, außen vor. Ich überlegte mir: Wenn ich jetzt das „knallrote Gummiboot“ zu singen lerne, dann kann ich beim nächsten Mal mitsingen, und würde doch BESTIMMT dazu gehören! Also hörte ich immer zu, übte heimlich zu Hause, und als ich das Lied dann endlich komplett auswendig konnte… waren die Schlager natürlich out.

Solche Situationen gab es irgendwie öfter, und weil aber meine wenigen Freunde keine Probleme hatten, irgendwie mit den anderen mitzuhalten, hab ich mir überlegt, was ich wohl falsch mache, aber ich hatte keine Erklärung.

Dann, auf dem Gymnasium, wurde es schlimmer.

Auch hier hatte ich zwar immer Freundinnen, aber wenn die „Hauptfreundin“ mal nicht da waren hat es mich immer viel Kraft gekostet, irgendwie doch Anschluss zu haben an die anderen. Außerdem galten die Hauptfreundin und ich sowieso auch als etwas seltsam, weil wir uns fast ausschließlich in Bücher- und Filmzitaten oder in Comicsprache unterhalten hatten.

Bücher konnte ich ganz oft auswendig, nachdem ich sie gelesen hatte, ich konnte ganze Textpassagen wiedergeben. Aber ich habe auch schon immer sehr viel gelesen, und als ich auf dem Gymnasium die Schulbibliothek für mich entdeckt hatte, und dann die Stadtbücherei, da habe ich fast nur noch gelesen. Nach der Schule habe ich mir also oft Bücher ausgeliehen, anstatt irgendwo alleine herumzuhängen, das war mir lieber als zu versuchen, mit den noch anwesenden Mitschülern zu reden. Manchmal kam zwar auch jemand von meinen Freunden mit, aber oft waren die auch schon mit dem Bus heimgefahren, während ich noch auf meinen warten musste.

Dann kam irgendwann so eine Klassenreise, ein Besinnungsausflug, der dazu genutzt werden sollte, dass wir uns danach alle ganz doll mögen. Im Sitzkreis sollten wir dann jeder über jeden sagen, was uns stört, damit wir Probleme aus der Welt schaffen könnten. Bei den meisten sagten ein, zwei, drei Mitschüler etwas. Dann kam ich an die Reihe, und gefühlt jeder hatte mir etwas zu sagen. Ich war plötzlich Hauptdiskussionspunkt, und man überlegte, was man wohl machen kann, damit man keine Probleme mehr mit mir hat.

Was genau alles gesagt wurde weiß ich nicht mehr. Ich erinnere mich nur noch an die Überraschung, dass ich irgendwas wohl komplett falsch gemacht haben muss, wenn scheinbar jeder mich irgendwie nervig und blöd fand. Ich konnte mir aber beim besten Willen nicht erklären, was das sein könnte.

Das Resultat dieser Klassenreise war dann, dass einige meiner Mitschüler für ein paar Tage ganz besonders nett zu mir waren, und ich versucht habe, nicht mehr doof und blöd und nervig zu sein. Es gab sehr viele Situationen, in denen ich in Grüppchen von Mitschülern stand, die angestrengt versuchten, nett zu sein, ich versuchte angestrengt, eine intelligente Gesprächspartnerin zu sein, und völlig verkrampfte Nicht-Gespräche entstanden. Schließlich wusste ich ja immer noch nicht, was die anderen überhaupt hören wollten…

Das legte sich bald wieder, dieses besonders und extra nett sein, und alles wurde wieder wie vorher, mit der Ausnahme, dass ich jetzt wusste, dass ich einfach …irgendwie falsch war.

In der Oberstufe war es am schwierigsten für mich, obwohl ich mittlerweile doch ein paar gute Freundinnen hatte. Der Klassenverband wurde aufgehoben, und wir hatten zwar Stammkurse, aber meine Hauptfreundin war in keinem meiner Kurse mehr, und wir sahen uns nur noch in den Pausen. Auch die anderen Freundinnen sah ich selten. Deswegen fühlte ich mich oft sehr alleine. Wenn ich dann mit den Freundinnen zusammen war, war alles wieder super, aber die Zeit, die ich alleine verbracht habe- alleine zwischen anderen Mitschülern- fühlte sich am längsten an.

Ich habe mein Anderssein in der Zeit immer auf die Pubertät geschoben, und den verfluchten Hormonen die Schuld gegeben, dass ich nicht so gut funktionierte wie die anderen.

Irgendwie hatte ich schon immer irgendwie Probleme, aber ich habe niemandem etwas davon gesagt. Alles habe ich mit mir selber ausgemacht, und festgestellt: Ich bin irgendwie eben nicht Normal. Und je mehr ich mir das gedacht habe, desto weniger konnte ich mit anderen umgehen.

Es wurde aber besser- nach dem Abi! Ich bekam immer mehr Freunde, die mich in meiner Seltsamheit annahmen. Außerdem wurde ja auch ( natürlich vorher schon) dieses Dings namens Internet immer größer, und damit war ich dann endlich in der Lage, Kontakte zu knüpfen. Per Mail oder im Chat konnte ich eloquent und witzig sein und konnte mich in Foren über Dinge austauschen, die ich wichtig fand, und andere interessierten sich auch noch dafür.

Und über besondere Interessen bin ich dann schließlich in einem großen, echten Freundeskreis gelandet, wo ich dann auch den Herrn Gatten kennengelernt habe.

Und nie habe ich mich sicherer gefühlt als jetzt.

So sicher, dass ich mich traue, ich selber zu sein. Und herauszufinden, was es wirklich bedeutet, anders zu sein, dass es nicht nur schlecht ist. Denn wer wäre ich, wenn ich nicht so wäre wie ich bin? Doch sicher voll langweilig, oder?

„Und wann hast Du gemerkt, dass Du anders bist als andere?“

„Warum machst Du das eigentlich?“

Ich bin kein Fan von Partys. Wer mich kennt, weiß, dass ich gerne die Kinder als Grund vorschiebe, damit wir frühzeitig wieder gehen können- tut mir Leid, ich würde gerne bleiben, aber für DIE KINDER ist es  zu spät. Babysitter? Äh, öh, haben wir keinen bekommen. Selbst wenn ich gesucht hätte…und die Oma war auch grade nicht da. Außerdem ging ihr Telefon nicht. Und meins auch nicht.

Ich war noch nie gut darin, mich in Menschenmengen zu baden, wenn auch vorgesehen ist, dass ich mich unterhalten muss. Sobald die Geräuschkulisse zu groß ist- was oft schon bei mehr als 5 gleichzeitig sprechenden Menschen der Fall ist- kann ich keiner Unterhaltung mehr folgen, weil ich nichts mehr aufnehmen kann. GANZ vielleicht kann ich ein 1:1 Gespräch führen, wenn ich mich wirklich anstrenge, und ich die Person auch gut kenne.

Denn dann kommt auch noch dazu, dass ich nicht weiß, worüber ich mit fremden Menschen oder nur flüchtigen Bekannten sprechen kann. Das Wetter- ich habe lange beraucht, um es überhaupt als Gesprächsthema zu akzeptieren, weil es so UNNÖTIG ist sich darüber zu unterhalten- ist als Thema schnell ausgereizt. Ja, es ist wirklich zu kalt, zu heiss, zu nass für diese Jahreszeit, und früher hatten wir noch echten Sommer. Mit Schnee! Achnee, jetzt komme ich durcheinander…

Ganz oft habe ich einfach nichts gesagt. Früher hatte ich sogar die Strategie, mich „wegzubeamen“- und zwar nicht alkoholisch, denn ich trinke ja quasi keinen Alkohol, und habe das auch noch nie gemocht. Ich habe einfach irgendwann das Gefühl gehabt, ich sei nur ein Beobachter, wie im Fernsehen. Jemand, der alles sieht, aber nichts zur Situation beiträgt, weil man ja gar nicht wirklich dabei ist. Ich habe mit niemandem mehr geredet, außer wenige Worte mit Freunden, und nur stumm dabei gesessen, mit dem Gefühl, dass mich niemand sieht wenn ich nichts sage.

Nur dann fühlte ich mich sicher. Niemand sieht mich, aber ich kann beobachten, wie andere reagieren. Wie „man“ sich auf Partys zu verhalten hat. Worüber „man“ spricht. Worüber „man“ lacht. Ich habe viel gelernt, als unsichtbarer Beobachter.

Wenn man mich aber angesprochen hat, oder versucht hat, mich ins Gespräch zu ziehen, war ich immer überrascht, und verwundert, dass man mich doch sieht. Und habe zwei, drei Worte gesagt, gestammelt, und gehofft, dass es reicht.

Mir kam das nie seltsam vor. Es war meine „Überlebensstrategie“ auf Partys. Anderen kam es aber doch seltsam vor, das ist mir irgendwann später mit mehr Erfahrung dann tatsächlich auch aufgefallen. Sogar ich weiß mittlerweile, dass es wirklich sehr ungewöhnlich war, und würde es heute anders machen. Aber es kostet mich viel Kraft, auf einer Party zu „bleiben“- tatsächlich da zu bleiben und nicht zu gehen, oder eben bewußt NICHTdie Strategie des wegbeamens zu benutzen.

Meistens war ich ich aber nicht auf Partys.

Meine Mutter fragte irgendwann mal, ob ich nicht vielleicht mal ausgehen wollen würde, mit Freunden treffen, auf Partys gehen- aber nö, nicht wirklich.

Dann gab es im Dorf einer Freundin sehr oft Partys, die, wie das nun mal bei Jugendlichen  so ist, sehr alkohollastig waren. Wenn so eine Party war fuhr ich nach der Schule mit dem Bus zu ihr nach Hause, und abends gingen wir dann recht früh hin. Meist blieben wir draußen, quatschten mit den anderen (Sie quatschte, ich stand herum), sahen zu, wie viele sehr schnell sehr betrunken wurden, und gingen spätestens nach einer Stunde „spazieren“. Eine Runde in Ruhe durch das Dorf, und der Spaziergang endete dann meist am Haus meiner Freundin. Wo wir dann schon mal da waren gingen wir hinein und spielten Computerspiele oder Gesellschaftsspiele, hörten Musik, sahen Filme, und nahmen uns vor, später noch mal hinzugehen. Ganz selten taten wir das dann auch wirklich, und wir gingen dann auch eher da hin wie wenn man einen Zoo besucht, nachsehen, wie besoffen man dort jetzt war. Dann ging es wieder zurück.

Aber ich war auf einer Party!!

Wer mich kennt, der weiß aber auch, dass ich gerne große Geburtstagsfeste feiere. Unser beinahe jährliches großes Geburtstagsfest- der Herr Gatte und ich haben im gleichen Monat Geburtstag, da bietet sich gemeinsames feiern an- ist immer gut besucht.

„Warum tust Du Dir das eigentlich an, wenn Du doch weißt, dass Dir zu viele Reize und zu viele Menschen auf einmal nicht gut tun?“ fragte meine Nachbarin, die sich mit dem Thema Asperger ja nur zu gut auskennt.

Das hat mich wirklich zum grübeln gebracht. Warum mag ich das so gerne? Ich freue mich sogar darauf, ich mag den Trubel, es sind wirklich immer viel zu viele Leute mit vielen Kindern, aber ich fühle mich wohl.

Warum ist das so?

Und ich stelle fest: Ich mag es, von Freunden umgeben zu sein. Mittlerweile habe ich wirklich viele Freunde, und viele Bekannte, die ich sehr gerne mag. Das einmal im Jahr zu sehen, das ist eine Bestätigung, dass ich es „geschafft“ habe.

Außerdem bin ich zu Hause. Zu Hause ist MEIN Bereich, hier kenne ich mich aus. Ich halte mir Bereiche im Haus Gäste-Frei, ins Schlafzimmer muss niemand rein. Da kann ich hin, wenns es doch mal zu viel wird.

Aber meistens wird es nicht zu viel.

Ich bin beschäftigt, ich rede kurz mit dem einen, dann mit dem anderen, flitze herum, schaue nach ob alles da ist, ob was fehlt. Ich komme oft kaum zu Essen, weil ich immer in Action bin. Ich weiß, wen ich eingeladen habe, und die Gäste kennen mich alle. Mit allen habe ich etwas zu reden, das nicht Wetter ist.

Trotzdem ist die Kommunikation mit jedem einzelnen immer nur recht kurz- was ich einerseits schade finde, andererseits vermutlich grade gut, denn so komme ich nie in die Verlegenheit, nicht zu wissen was ich sagen soll.

Außerdem habe ich eine Beschäftigung. Oft mache ich irgendetwas, und unterhalte mich nebenbei mit jemandem. Wenn ich Beschäftigung habe, oder eine Aufgabe, dann kriege ich das hin. Das ist fast so eine gute Ausrede wie Kinder. „Ich muss jetzt woanders hin, weil da diesunddas zu tun ist“. Zu Hause ist IMMER etwas zu tun, jemand braucht etwas, ich muss woanders hin! Außerdem muss ich, wenn ich etwas zu tun habe, meinen Gesprächspartner nicht lange angucken. Hin und wieder ein ein bestätigender Blickkontakt reicht. Prima!!

Kindergeburtstage sind noch mal etwas anderes. Ich LIEBE Kindergeburtstage und bei drei Kindern gibt es auch alle naselang mal wieder einen.

Aber Kinder sind laut und unberechenbar. Eigentlich genau das, was ich ziemlich schlecht ertragen kann- ich ziehe meinen Hut vor Erziehern und Lehrern, die mit einer wildgewordenen Bande tagtäglich zu tun haben. TROTZDEM finde ich Kindergeburtstage toll. Damit es für mich auch entspannt wird, plane ich die Feiern und die Spiele vor. Mit Zeitplan, in dem alles drin steht. Inclusive der Zeit, die die Kinder haben, um zu essen, und die Geschenke abzugeben. Es gibt außerdem einen Essensplan, eine To-Do Liste, eine „Wer kommt überhaupt??“ Liste.

Meist klappt das natürlich nicht ganz, aber ich bin mittlerweile ganz gut geworden, Zeitpläne auszuarbeiten. Wenn es nicht exakt passt ist es auch nicht schlimm, dafür habe ich immer Puffer im Plan. Ich weiß ja vorher nicht, ob die Kinder Spass an einer Aufgabe haben oder eher nicht.

Mit meinem Plan in der Tasche lege ich dann los. Ich gucke ständig darauf, um mich zu vergewissern, dass auch alles gut läuft- und bisher ist alles immer gut gelaufen- und dann bin ich beruhigt. Ich habe auch eingeplant, dass Kinder unberechenbar sind, und rechne damit, damit das nicht als Überraschung kommt 😉

Kinder, die meisten zumindest, wollen ein Programm, sie wollen angeleitet werden, und deswegen machen die meisten auch mit. Ich habe bemerkt: wenn sie auf einem Kindergeburtstag für sich gelassen werden, dann eskaliert es schnell zu übertriebenem Toben, und schnell gibt es auch Verletzungen, beleidigte Leberwürste, und Zank. Weil ich ECHT schlecht bin im Schlichten, muss alles vorher genau geplant sein, inclusive Alternativplan (Was bei Regen??). Und so wird die Party meist ein voller Erfolg für alle! Außerdem auch hier: Ich habe etwas zu tun, ich bin beschäftigt, ich weiß wie es abzulaufen hat. Ich habe Kontrolle über die Angelegenheit.

Also, warum mache ich das? – Weil es tatsächlich Spass macht, wenn die Rahmenbedingungen stimmen!

„Warum machst Du das eigentlich?“

Einen Schritt weiter

Gestern bekam ich eine Email vom AutismusTherapieZentrum (ATZ), dass ich, wenn ich es schaffen würde, für heute einen Beratungstermin bei denen haben könnte.

Ich hatte die Anfang Mai nämlich mal angeschrieben, weil ich nicht wusste, an wen ich mich wenden sollte.

Ich bin mir jetzt seit einiger Zeit ziemlich Sicher, dass ich eine Autismusspektrumsstörung habe, habe mir das aber selber zusammenklamüsert. Das Internet durchforstet, Literatur gelesen, und verglichen, nachgedacht. Für mich war es eine riesige Erleichterung, plötzlich für ganz viel eine logische Erklärung zu haben, alles passte plötzlich.

Der Herr Gatte war aber skeptisch, das merkte ich, und damit wurde ich auch unsicher. Denke ich mir das alles wirklich nur aus? Drehe ich mir etwas zurecht, damit ich mich besser fühle?

Ich habe über ein Diagnoseverfahren nachgedacht, war mir aber nie sicher, ob das für mich überhaupt sinnvoll ist. Die schwierige Phase in der Schule ist vorbei, ich bin mitten im Leben, habe eine tolle Familie, wunderbare Freunde- brauche ich eine Diagnose wirklich?

Bei Kind1 ist das was anderes, seine schwierigste Phase steht im noch bevor, er soll nicht das durchmachen was ich erlebt habe, er soll vorher Hilfe haben.

Ich war also wirklich hin und her gerissen und habe nach einem Ort gesucht, wo ich Hilfe finden kann. (Kind 1 geht nämlich dahin, wo es speziell auf Kinder ausgerichtet ist, und da bin ich einfach dann doch schon zu alt für 😉 )

Das Internet gab mir also die Seite des ATZ, ich schreib eine Mail mit meinem Anliegen, und bekam prompt Antwort. Und zwar, dass man das so pauschal nicht sagen könne ^^ Aber man bot mir einen Termin zu einem Beratungsgespräch an, und ich wurde direkt an die richtige Stelle weitergeleitet.

Die Email aus dem ATZ wurde dann aber direkt an meinen Spamordner weitergeleitet, und ich fand sie erst am Sonntag. Uppsi….

Gestern kam dann die Email, dass ich den Termin heute durchaus noch haben könnte, obwohl ich bisher nicht zugesagt hatte, und spontan schmiss ich alle anderen Pläne um, engagierte die Oma als Babysitterin, und düste los.

Direkt vorweg: Das Gespräch war wunderbar, ich habe mich sehr gut aufgehoben und ernstgenommen gefühlt, ich konnte mir alles von der Seele reden. Das erste Mal mit jemandem, der nicht nur Laie in dem Thema ist, sondern seit vielen Jahren Fachfrau. Außerdem war sie wirklich sehr freundlich und toll, es war ganz einfach mit ihr zu reden.

Sie fragte mich ganz gezielt nach den Schwierigkeiten, die ich in verschiedenen Bereichen habe, wo ich die Beeinträchtigungen sehe, und ich erzählte.

Ich berichtete auch von Kind1, von unserer Situation.

Es war aber ein sehr lockeres Gespräch, ich weiß jetzt zum Beispiel, dass die Frau Star Trek Fan ist 😉

Jedenfalls, so als Fazit der ganzen Sache, ob eine Diagnose für sinnvoll ist oder nicht hat sie ganz klar gesagt: Das muss ich selber wissen 😉

Aber sie hat mir ganz viele Ratschläge, Hinweise und Denkanstöße gegeben, was mir sehr geholfen hat.

Und sie hat mir auch noch gesagt: Wenn ich mich entscheiden würde, eine Diagnose zu machen, würde ich mit ziemlicher Sicherheit die Diagnose Autismus bekommen, das könnte sie Anhand des Gespräches schon erkennen. Allerdings, das hat sie mehrmals gelobt, hätte ich mir selber sehr viele Dinge beigebracht, so dass einem Nicht-Fachmann gar nicht unbedingt auffallen würde, dass ich Autistin bin. (Man muss aber auch sagen, dass ich natürlich einen ausgesprochen guten Tag hatte … Ich kann auch anders 😉 )

Sie hat mir außerdem noch einiges an Literaturtipps gegeben, speziell zum Thema Frauen mit Autismus, die…. WIR…ticken ja anders als Männer mit Autismus.

Zu Selbsthilfegruppen riet sie mir, nicht nur für mich, auch in der Position als Mutter eines (vermutlich, is ja noch nix diagnostiziert…) autistischen Kindes.

Als ich sagte, dass ich mir mit einem Blog quasi eine eigene Selbsthilfegruppe eröffnet habe, musste sie lachen, fand es aber super.

Für Kind1 gab sie mir ein paar Tipps mit auf den Weg, die ich mit ihm besprechen werde.

Sie sagte mir, dass ich keine Hektik aufkommen lassen muss mit der Entscheidung, die Diagnose machen zu lassen oder nicht. Es hängt ja im Moment nichts daran. Ich solle mir ganz viel Zeit lassen, alles gut besprechen und überdenken.

Alles in Allem bin ich mit einem unglaublich tollen Gefühl da raus gegangen. Ich habe eine gute Basis zum weitermachen- und ganz wichtig: Eine Expertin hat mir klipp und klar gesagt, dass ich nicht spinne und mir das alles nicht nur einbilde. Das ist für mich das Allerbeste an der Sache. Das ist wie die Erlaubnis, es laut auszusprechen, es als Tatsache zu sehen.

Ich kann jetzt tatsächlich mit Ruhe an die Entscheidung gehen, inwiefern eine echte Diagnose für mich wichtig ist- oder auch nicht.

Aber erst mal ist Kind1 dran!

Einen Schritt weiter

Schau mir in die Augen, Baby!

Ich erwische mich sehr oft dabei, wie ich Kind1 die einfachsten Verhaltensregeln für Zwischenmenschliches erkläre. Vor einem Jahr noch fand ich das irgendwie ganz normal, denn ich musste mir das ja auch alles irgendwie beibringen, von alleine hat das nie geklappt. Dass ich das bei den anderen Kindern nicht (in dem Umfang) machen muss ist mir erst vor gar nicht all zu langer Zeit aufgefallen.

Neulich versuchte ich dann, Kind 1 beizubringen, dass andere Menschen es mögen, wenn man ihnen beim Sprechen ins Gesicht schaut und den Blick beim Sprechen nicht abschweifen lässt.

Das hat mich dann daran erinnert, wie ich es mir beigebracht habe. Damals war das eine ziemlich schwierige Aufgabe, heute muss ich immer schmunzeln, wenn ich an meine Unbeholfenheit denke.

Irgendwie wusste ich zwar, dass man bei Gesprächen in die Augen schaut. Das hat mir aber schon immer körperliches Unbehagen ausgelöst, mein Magen verkrampft sich, mein ganzer Körper spannt sich an. Irgendwann dann, etwa so in der sechsten oder siebten Klasse, las ich ein Buch, in dem jemand beschrieben hat, dass man ja auch über einen Punkt auf der Stirn, zwischen den Augen gucken kann. Dann würde man zumindest in die ungefähre Richtung der Augen sehen.

Ich sah meine Chance bei einem Eltern-Schüler-Lehrer Gespräch mit meinem Mathelehrer. Mathe war nie mein Lieblingsfach, der Lehrer nicht mein Lieblingslehrer, aber er war immer sehr freundlich, und vor ihm hatte ich keine Angst.

Der Lehrer sprach hauptsächlich mit meiner Mutter, und während die beiden sich unterhielten, suchte ich mir den Punkt zwischen seinen Augen, an dem ich das Ganze mal ausprobieren wollte.

Irgendwann wandte er sich an mich, sprach mit mir, und ich meisterte es, ihm dabei ins Gesicht zu sehen. Leider hat das meine ganze Konzentration aufgebraucht, ich konnte nicht mehr so richtig gut antworten und stammelte etwas vor mich hin. Schnell sah ich meine Hände an und konnte wieder antworten.

Das darf doch nicht wahr sein, ich muss das doch irgendwie hinbekommen!

Also übte ich einfach weiter, während er sich mit meiner Mutter unterhielt. Ich sah ihn ganz feste an, vergaß fast das Zwinkern und dachte, dass es ja doch irgendwie geht, man muss sich nur anstrengen.

Als er sich wieder zu mir drehte und mein Fixpunkt sich verschob merkte ich plötzlich, dass ich die ganze Zeit zwar in Richtung seiner Augen gesehen habe, dass ich aber vor lauter Fixieren angefangen hatte zu schielen.  Schnell sah ich wieder auf meine Hände, was mich beim Sprechen immer beruhigt, und ich glaube, dass niemand meine Experimente bemerkt hatte.

Dieser Elternsprechtag ging dann auch vorüber, und ich habe keine Ahnung mehr, WAS da besprochen wurde- meine dilettantischen Versuche, mich anzupassen sind mir aber im Gedächtnis geblieben.

Heute kann ich bei Gesprächen anderen Menschen ins Gesicht sehen, aber es macht mich immer noch nervös. Ich mache es nur so lange, dass mein Gegeüber registriert- Aha, das Gespräch wird ernst genommen. Ich würde auch niemandem mehr empfehlen, auf einen Punkt zwischen den Augen zu gucken, das lässt den Blick zu angestrengt und starr werden. Irgendwann habe ich mir angewöhnt, Menschen bei Gesprächen auf den Mund zu sehen, der ist groß genug, dass der Blick etwas hin und her wandern kann, weit genug von den Augen entfernt, um nicht hineingucken zu müssen, aber nah genug, um zwischendrin ganz kurz in die Augen der anderen zu schauen, denn das ist, was die anderen erwarten.

Mit Kind1 übe ich das dann auch noch mal 😉

Schau mir in die Augen, Baby!