Schau mir in die Augen, Baby!

Ich erwische mich sehr oft dabei, wie ich Kind1 die einfachsten Verhaltensregeln für Zwischenmenschliches erkläre. Vor einem Jahr noch fand ich das irgendwie ganz normal, denn ich musste mir das ja auch alles irgendwie beibringen, von alleine hat das nie geklappt. Dass ich das bei den anderen Kindern nicht (in dem Umfang) machen muss ist mir erst vor gar nicht all zu langer Zeit aufgefallen.

Neulich versuchte ich dann, Kind 1 beizubringen, dass andere Menschen es mögen, wenn man ihnen beim Sprechen ins Gesicht schaut und den Blick beim Sprechen nicht abschweifen lässt.

Das hat mich dann daran erinnert, wie ich es mir beigebracht habe. Damals war das eine ziemlich schwierige Aufgabe, heute muss ich immer schmunzeln, wenn ich an meine Unbeholfenheit denke.

Irgendwie wusste ich zwar, dass man bei Gesprächen in die Augen schaut. Das hat mir aber schon immer körperliches Unbehagen ausgelöst, mein Magen verkrampft sich, mein ganzer Körper spannt sich an. Irgendwann dann, etwa so in der sechsten oder siebten Klasse, las ich ein Buch, in dem jemand beschrieben hat, dass man ja auch über einen Punkt auf der Stirn, zwischen den Augen gucken kann. Dann würde man zumindest in die ungefähre Richtung der Augen sehen.

Ich sah meine Chance bei einem Eltern-Schüler-Lehrer Gespräch mit meinem Mathelehrer. Mathe war nie mein Lieblingsfach, der Lehrer nicht mein Lieblingslehrer, aber er war immer sehr freundlich, und vor ihm hatte ich keine Angst.

Der Lehrer sprach hauptsächlich mit meiner Mutter, und während die beiden sich unterhielten, suchte ich mir den Punkt zwischen seinen Augen, an dem ich das Ganze mal ausprobieren wollte.

Irgendwann wandte er sich an mich, sprach mit mir, und ich meisterte es, ihm dabei ins Gesicht zu sehen. Leider hat das meine ganze Konzentration aufgebraucht, ich konnte nicht mehr so richtig gut antworten und stammelte etwas vor mich hin. Schnell sah ich meine Hände an und konnte wieder antworten.

Das darf doch nicht wahr sein, ich muss das doch irgendwie hinbekommen!

Also übte ich einfach weiter, während er sich mit meiner Mutter unterhielt. Ich sah ihn ganz feste an, vergaß fast das Zwinkern und dachte, dass es ja doch irgendwie geht, man muss sich nur anstrengen.

Als er sich wieder zu mir drehte und mein Fixpunkt sich verschob merkte ich plötzlich, dass ich die ganze Zeit zwar in Richtung seiner Augen gesehen habe, dass ich aber vor lauter Fixieren angefangen hatte zu schielen.  Schnell sah ich wieder auf meine Hände, was mich beim Sprechen immer beruhigt, und ich glaube, dass niemand meine Experimente bemerkt hatte.

Dieser Elternsprechtag ging dann auch vorüber, und ich habe keine Ahnung mehr, WAS da besprochen wurde- meine dilettantischen Versuche, mich anzupassen sind mir aber im Gedächtnis geblieben.

Heute kann ich bei Gesprächen anderen Menschen ins Gesicht sehen, aber es macht mich immer noch nervös. Ich mache es nur so lange, dass mein Gegeüber registriert- Aha, das Gespräch wird ernst genommen. Ich würde auch niemandem mehr empfehlen, auf einen Punkt zwischen den Augen zu gucken, das lässt den Blick zu angestrengt und starr werden. Irgendwann habe ich mir angewöhnt, Menschen bei Gesprächen auf den Mund zu sehen, der ist groß genug, dass der Blick etwas hin und her wandern kann, weit genug von den Augen entfernt, um nicht hineingucken zu müssen, aber nah genug, um zwischendrin ganz kurz in die Augen der anderen zu schauen, denn das ist, was die anderen erwarten.

Mit Kind1 übe ich das dann auch noch mal 😉

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Schau mir in die Augen, Baby!

6 Gedanken zu “Schau mir in die Augen, Baby!

  1. gute Idee mit dem erklären. Ich weiß nichtmal ob mein Kind andere anguckt, schaue ja nie hin *lach*
    Ich hab übrigens ähnliche Trainings absolviert und bekomme es heute halbwegs hin. Wer sich aber meiner Konzentration aufs Gespräch gewiss sein will, nimmt lieber mein Vorbeigucken in Kauf. Dann bin ich auch ganz bei der Sache.

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    1. Kind1 ist allgemein sehr gut darin, soziale Regeln zu missachten 😉 Ich mache mit ihm ganz oft vor irgendwelchen Sachen eine Generalprobe. Bei Geschenken zum Beispiel soll er nicht sofort schreien „Wääääääh, voll doof“, sondern sagen: „Danke für das Geschenk“, und dann eine positive Sache dazu sagen (Das ist meine Lieblingsfarbe, das kann man gut daundazu brauchen… sowas alles)- wenn er nix positives sagen kann, soll er lügen und sagen „Ich freue mich“ 😉 Das muss geübt werden, weil er ja so schlecht lügen kann 😉
      Habe echt gute Erfahrungen damit gemacht, er stößt seitdem allgemein viel weniger Leuten vor den Kopf 😉

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    1. Jep, das war Herr M 🙂 Gutes Opfer für meine Übungen!

      Und nein, Du musst Dir keine Gedanken mehr machen- ich seh Dich zwar gerne, aber toller ists wenn ich beim Sprechen nicht gucken MUSS *gg*

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