„Warum machst Du das eigentlich?“

Ich bin kein Fan von Partys. Wer mich kennt, weiß, dass ich gerne die Kinder als Grund vorschiebe, damit wir frühzeitig wieder gehen können- tut mir Leid, ich würde gerne bleiben, aber für DIE KINDER ist es  zu spät. Babysitter? Äh, öh, haben wir keinen bekommen. Selbst wenn ich gesucht hätte…und die Oma war auch grade nicht da. Außerdem ging ihr Telefon nicht. Und meins auch nicht.

Ich war noch nie gut darin, mich in Menschenmengen zu baden, wenn auch vorgesehen ist, dass ich mich unterhalten muss. Sobald die Geräuschkulisse zu groß ist- was oft schon bei mehr als 5 gleichzeitig sprechenden Menschen der Fall ist- kann ich keiner Unterhaltung mehr folgen, weil ich nichts mehr aufnehmen kann. GANZ vielleicht kann ich ein 1:1 Gespräch führen, wenn ich mich wirklich anstrenge, und ich die Person auch gut kenne.

Denn dann kommt auch noch dazu, dass ich nicht weiß, worüber ich mit fremden Menschen oder nur flüchtigen Bekannten sprechen kann. Das Wetter- ich habe lange beraucht, um es überhaupt als Gesprächsthema zu akzeptieren, weil es so UNNÖTIG ist sich darüber zu unterhalten- ist als Thema schnell ausgereizt. Ja, es ist wirklich zu kalt, zu heiss, zu nass für diese Jahreszeit, und früher hatten wir noch echten Sommer. Mit Schnee! Achnee, jetzt komme ich durcheinander…

Ganz oft habe ich einfach nichts gesagt. Früher hatte ich sogar die Strategie, mich „wegzubeamen“- und zwar nicht alkoholisch, denn ich trinke ja quasi keinen Alkohol, und habe das auch noch nie gemocht. Ich habe einfach irgendwann das Gefühl gehabt, ich sei nur ein Beobachter, wie im Fernsehen. Jemand, der alles sieht, aber nichts zur Situation beiträgt, weil man ja gar nicht wirklich dabei ist. Ich habe mit niemandem mehr geredet, außer wenige Worte mit Freunden, und nur stumm dabei gesessen, mit dem Gefühl, dass mich niemand sieht wenn ich nichts sage.

Nur dann fühlte ich mich sicher. Niemand sieht mich, aber ich kann beobachten, wie andere reagieren. Wie „man“ sich auf Partys zu verhalten hat. Worüber „man“ spricht. Worüber „man“ lacht. Ich habe viel gelernt, als unsichtbarer Beobachter.

Wenn man mich aber angesprochen hat, oder versucht hat, mich ins Gespräch zu ziehen, war ich immer überrascht, und verwundert, dass man mich doch sieht. Und habe zwei, drei Worte gesagt, gestammelt, und gehofft, dass es reicht.

Mir kam das nie seltsam vor. Es war meine „Überlebensstrategie“ auf Partys. Anderen kam es aber doch seltsam vor, das ist mir irgendwann später mit mehr Erfahrung dann tatsächlich auch aufgefallen. Sogar ich weiß mittlerweile, dass es wirklich sehr ungewöhnlich war, und würde es heute anders machen. Aber es kostet mich viel Kraft, auf einer Party zu „bleiben“- tatsächlich da zu bleiben und nicht zu gehen, oder eben bewußt NICHTdie Strategie des wegbeamens zu benutzen.

Meistens war ich ich aber nicht auf Partys.

Meine Mutter fragte irgendwann mal, ob ich nicht vielleicht mal ausgehen wollen würde, mit Freunden treffen, auf Partys gehen- aber nö, nicht wirklich.

Dann gab es im Dorf einer Freundin sehr oft Partys, die, wie das nun mal bei Jugendlichen  so ist, sehr alkohollastig waren. Wenn so eine Party war fuhr ich nach der Schule mit dem Bus zu ihr nach Hause, und abends gingen wir dann recht früh hin. Meist blieben wir draußen, quatschten mit den anderen (Sie quatschte, ich stand herum), sahen zu, wie viele sehr schnell sehr betrunken wurden, und gingen spätestens nach einer Stunde „spazieren“. Eine Runde in Ruhe durch das Dorf, und der Spaziergang endete dann meist am Haus meiner Freundin. Wo wir dann schon mal da waren gingen wir hinein und spielten Computerspiele oder Gesellschaftsspiele, hörten Musik, sahen Filme, und nahmen uns vor, später noch mal hinzugehen. Ganz selten taten wir das dann auch wirklich, und wir gingen dann auch eher da hin wie wenn man einen Zoo besucht, nachsehen, wie besoffen man dort jetzt war. Dann ging es wieder zurück.

Aber ich war auf einer Party!!

Wer mich kennt, der weiß aber auch, dass ich gerne große Geburtstagsfeste feiere. Unser beinahe jährliches großes Geburtstagsfest- der Herr Gatte und ich haben im gleichen Monat Geburtstag, da bietet sich gemeinsames feiern an- ist immer gut besucht.

„Warum tust Du Dir das eigentlich an, wenn Du doch weißt, dass Dir zu viele Reize und zu viele Menschen auf einmal nicht gut tun?“ fragte meine Nachbarin, die sich mit dem Thema Asperger ja nur zu gut auskennt.

Das hat mich wirklich zum grübeln gebracht. Warum mag ich das so gerne? Ich freue mich sogar darauf, ich mag den Trubel, es sind wirklich immer viel zu viele Leute mit vielen Kindern, aber ich fühle mich wohl.

Warum ist das so?

Und ich stelle fest: Ich mag es, von Freunden umgeben zu sein. Mittlerweile habe ich wirklich viele Freunde, und viele Bekannte, die ich sehr gerne mag. Das einmal im Jahr zu sehen, das ist eine Bestätigung, dass ich es „geschafft“ habe.

Außerdem bin ich zu Hause. Zu Hause ist MEIN Bereich, hier kenne ich mich aus. Ich halte mir Bereiche im Haus Gäste-Frei, ins Schlafzimmer muss niemand rein. Da kann ich hin, wenns es doch mal zu viel wird.

Aber meistens wird es nicht zu viel.

Ich bin beschäftigt, ich rede kurz mit dem einen, dann mit dem anderen, flitze herum, schaue nach ob alles da ist, ob was fehlt. Ich komme oft kaum zu Essen, weil ich immer in Action bin. Ich weiß, wen ich eingeladen habe, und die Gäste kennen mich alle. Mit allen habe ich etwas zu reden, das nicht Wetter ist.

Trotzdem ist die Kommunikation mit jedem einzelnen immer nur recht kurz- was ich einerseits schade finde, andererseits vermutlich grade gut, denn so komme ich nie in die Verlegenheit, nicht zu wissen was ich sagen soll.

Außerdem habe ich eine Beschäftigung. Oft mache ich irgendetwas, und unterhalte mich nebenbei mit jemandem. Wenn ich Beschäftigung habe, oder eine Aufgabe, dann kriege ich das hin. Das ist fast so eine gute Ausrede wie Kinder. „Ich muss jetzt woanders hin, weil da diesunddas zu tun ist“. Zu Hause ist IMMER etwas zu tun, jemand braucht etwas, ich muss woanders hin! Außerdem muss ich, wenn ich etwas zu tun habe, meinen Gesprächspartner nicht lange angucken. Hin und wieder ein ein bestätigender Blickkontakt reicht. Prima!!

Kindergeburtstage sind noch mal etwas anderes. Ich LIEBE Kindergeburtstage und bei drei Kindern gibt es auch alle naselang mal wieder einen.

Aber Kinder sind laut und unberechenbar. Eigentlich genau das, was ich ziemlich schlecht ertragen kann- ich ziehe meinen Hut vor Erziehern und Lehrern, die mit einer wildgewordenen Bande tagtäglich zu tun haben. TROTZDEM finde ich Kindergeburtstage toll. Damit es für mich auch entspannt wird, plane ich die Feiern und die Spiele vor. Mit Zeitplan, in dem alles drin steht. Inclusive der Zeit, die die Kinder haben, um zu essen, und die Geschenke abzugeben. Es gibt außerdem einen Essensplan, eine To-Do Liste, eine „Wer kommt überhaupt??“ Liste.

Meist klappt das natürlich nicht ganz, aber ich bin mittlerweile ganz gut geworden, Zeitpläne auszuarbeiten. Wenn es nicht exakt passt ist es auch nicht schlimm, dafür habe ich immer Puffer im Plan. Ich weiß ja vorher nicht, ob die Kinder Spass an einer Aufgabe haben oder eher nicht.

Mit meinem Plan in der Tasche lege ich dann los. Ich gucke ständig darauf, um mich zu vergewissern, dass auch alles gut läuft- und bisher ist alles immer gut gelaufen- und dann bin ich beruhigt. Ich habe auch eingeplant, dass Kinder unberechenbar sind, und rechne damit, damit das nicht als Überraschung kommt 😉

Kinder, die meisten zumindest, wollen ein Programm, sie wollen angeleitet werden, und deswegen machen die meisten auch mit. Ich habe bemerkt: wenn sie auf einem Kindergeburtstag für sich gelassen werden, dann eskaliert es schnell zu übertriebenem Toben, und schnell gibt es auch Verletzungen, beleidigte Leberwürste, und Zank. Weil ich ECHT schlecht bin im Schlichten, muss alles vorher genau geplant sein, inclusive Alternativplan (Was bei Regen??). Und so wird die Party meist ein voller Erfolg für alle! Außerdem auch hier: Ich habe etwas zu tun, ich bin beschäftigt, ich weiß wie es abzulaufen hat. Ich habe Kontrolle über die Angelegenheit.

Also, warum mache ich das? – Weil es tatsächlich Spass macht, wenn die Rahmenbedingungen stimmen!

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„Warum machst Du das eigentlich?“

2 Gedanken zu “„Warum machst Du das eigentlich?“

  1. Liebes irreshuhn,

    sehr interessant ist dein Blog.
    Du kennst dich sehr gut mit Asperger aus. Was ich mich immer fragen: Wo grenzen sich Asperger und Hochsensibilität denn ab? Was ist der genaue Unterschied? Sind es die sozialen Kontakte?
    Ich habe ein paar Seiten im Netz gefunden, aber eindeutig sind die nicht wirklich, z.B. hier:
    http://www.zartbesaitet.net/informationen-fur-hsp/hochsensibilitat-und-asperger/

    Vielleicht hast du dich mit dem Thema Hochsensibilität schon auseinandergesetzt. Kannst du mir hier evtl. weiterhelfen?

    Danke, liebe Grüße und weiter so mit deinem Blog,
    Julia

    PS.: Mein Wohnzimmer befindet sich hier:
    https://hochsensibel1753.wordpress.com/herzlich-willkommen/

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