„Und wann hast Du gemerkt, dass Du anders bist als andere?“

Erstmal garnicht, die anderen waren eigentlich eher irgendwie komisch 😉

Ich hatte als Kind -Grundschulalter- immer Freunde, nicht viele, aber nie so wenige dass ich keinen zum Spielen gehabt hätte. So lange ich mit nur einem Kind gespielt habe war alles okay, aber es hat ganz oft nicht geklappt, wenn eine weitere Freundin dazu gekommen ist.

Sobald mehr als ein Kind anwesend war, wusste ich nicht mehr so richtig weiter. Irgendwie gab es IMMER Zank. Und wenn Kinder in Rudeln auftraten, wie zum Beispiel in der Klasse, saß ich oft ratlos daneben und wusste nicht, wie ich zum Rudel dazugehören könnte.

Ich erinnere mich daran, dass man in der Klasse um das Alphaweibchen 😉 herumsaß und gemeinsam Schlager sang, weil sie eben auf Schlager stand. Ich kannte ganz viele Lieder nicht und war, wie sonst auch immer, außen vor. Ich überlegte mir: Wenn ich jetzt das „knallrote Gummiboot“ zu singen lerne, dann kann ich beim nächsten Mal mitsingen, und würde doch BESTIMMT dazu gehören! Also hörte ich immer zu, übte heimlich zu Hause, und als ich das Lied dann endlich komplett auswendig konnte… waren die Schlager natürlich out.

Solche Situationen gab es irgendwie öfter, und weil aber meine wenigen Freunde keine Probleme hatten, irgendwie mit den anderen mitzuhalten, hab ich mir überlegt, was ich wohl falsch mache, aber ich hatte keine Erklärung.

Dann, auf dem Gymnasium, wurde es schlimmer.

Auch hier hatte ich zwar immer Freundinnen, aber wenn die „Hauptfreundin“ mal nicht da waren hat es mich immer viel Kraft gekostet, irgendwie doch Anschluss zu haben an die anderen. Außerdem galten die Hauptfreundin und ich sowieso auch als etwas seltsam, weil wir uns fast ausschließlich in Bücher- und Filmzitaten oder in Comicsprache unterhalten hatten.

Bücher konnte ich ganz oft auswendig, nachdem ich sie gelesen hatte, ich konnte ganze Textpassagen wiedergeben. Aber ich habe auch schon immer sehr viel gelesen, und als ich auf dem Gymnasium die Schulbibliothek für mich entdeckt hatte, und dann die Stadtbücherei, da habe ich fast nur noch gelesen. Nach der Schule habe ich mir also oft Bücher ausgeliehen, anstatt irgendwo alleine herumzuhängen, das war mir lieber als zu versuchen, mit den noch anwesenden Mitschülern zu reden. Manchmal kam zwar auch jemand von meinen Freunden mit, aber oft waren die auch schon mit dem Bus heimgefahren, während ich noch auf meinen warten musste.

Dann kam irgendwann so eine Klassenreise, ein Besinnungsausflug, der dazu genutzt werden sollte, dass wir uns danach alle ganz doll mögen. Im Sitzkreis sollten wir dann jeder über jeden sagen, was uns stört, damit wir Probleme aus der Welt schaffen könnten. Bei den meisten sagten ein, zwei, drei Mitschüler etwas. Dann kam ich an die Reihe, und gefühlt jeder hatte mir etwas zu sagen. Ich war plötzlich Hauptdiskussionspunkt, und man überlegte, was man wohl machen kann, damit man keine Probleme mehr mit mir hat.

Was genau alles gesagt wurde weiß ich nicht mehr. Ich erinnere mich nur noch an die Überraschung, dass ich irgendwas wohl komplett falsch gemacht haben muss, wenn scheinbar jeder mich irgendwie nervig und blöd fand. Ich konnte mir aber beim besten Willen nicht erklären, was das sein könnte.

Das Resultat dieser Klassenreise war dann, dass einige meiner Mitschüler für ein paar Tage ganz besonders nett zu mir waren, und ich versucht habe, nicht mehr doof und blöd und nervig zu sein. Es gab sehr viele Situationen, in denen ich in Grüppchen von Mitschülern stand, die angestrengt versuchten, nett zu sein, ich versuchte angestrengt, eine intelligente Gesprächspartnerin zu sein, und völlig verkrampfte Nicht-Gespräche entstanden. Schließlich wusste ich ja immer noch nicht, was die anderen überhaupt hören wollten…

Das legte sich bald wieder, dieses besonders und extra nett sein, und alles wurde wieder wie vorher, mit der Ausnahme, dass ich jetzt wusste, dass ich einfach …irgendwie falsch war.

In der Oberstufe war es am schwierigsten für mich, obwohl ich mittlerweile doch ein paar gute Freundinnen hatte. Der Klassenverband wurde aufgehoben, und wir hatten zwar Stammkurse, aber meine Hauptfreundin war in keinem meiner Kurse mehr, und wir sahen uns nur noch in den Pausen. Auch die anderen Freundinnen sah ich selten. Deswegen fühlte ich mich oft sehr alleine. Wenn ich dann mit den Freundinnen zusammen war, war alles wieder super, aber die Zeit, die ich alleine verbracht habe- alleine zwischen anderen Mitschülern- fühlte sich am längsten an.

Ich habe mein Anderssein in der Zeit immer auf die Pubertät geschoben, und den verfluchten Hormonen die Schuld gegeben, dass ich nicht so gut funktionierte wie die anderen.

Irgendwie hatte ich schon immer irgendwie Probleme, aber ich habe niemandem etwas davon gesagt. Alles habe ich mit mir selber ausgemacht, und festgestellt: Ich bin irgendwie eben nicht Normal. Und je mehr ich mir das gedacht habe, desto weniger konnte ich mit anderen umgehen.

Es wurde aber besser- nach dem Abi! Ich bekam immer mehr Freunde, die mich in meiner Seltsamheit annahmen. Außerdem wurde ja auch ( natürlich vorher schon) dieses Dings namens Internet immer größer, und damit war ich dann endlich in der Lage, Kontakte zu knüpfen. Per Mail oder im Chat konnte ich eloquent und witzig sein und konnte mich in Foren über Dinge austauschen, die ich wichtig fand, und andere interessierten sich auch noch dafür.

Und über besondere Interessen bin ich dann schließlich in einem großen, echten Freundeskreis gelandet, wo ich dann auch den Herrn Gatten kennengelernt habe.

Und nie habe ich mich sicherer gefühlt als jetzt.

So sicher, dass ich mich traue, ich selber zu sein. Und herauszufinden, was es wirklich bedeutet, anders zu sein, dass es nicht nur schlecht ist. Denn wer wäre ich, wenn ich nicht so wäre wie ich bin? Doch sicher voll langweilig, oder?

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2 Gedanken zu “„Und wann hast Du gemerkt, dass Du anders bist als andere?“

  1. In der Schule habe ich mich in den Pausen gern ins Schulgebäude geschlichen (war ja eigentlich nicht erlaubt), um dort allein zu sein oder mit den Lehrern zu reden. o.O

    Ja, richtig gut wurde es erst nach der Schule, an der Uni. Vielleicht auch, weil man dort nicht mehr so wahllos zusammengewürfelt ist, sondern zumindest einen Hauch an gemeinsamen Interessen hat? Schule war jedenfalls blöd.

    Und, wie du weißt: Internet FTW!!! ❤

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