Was sticht

„Klar, wenn man dauernd guckt was falsch sein könnte, dann findet man auch was“

„Aspergersyndrom? Halte ich nix von. Da hat die Erziehung bloß versagt!“

„Mann kann sich alles zurechtbiegen bis es passt“

„Echt, Dein Kind ist ein Aspie? Aber der ist doch so nett!“

„Andere Kinder machen das doch auch, das ist doch nix schlimmes!“

„Du übertreibst!“

Habe ich mir über in letzter Zeit oft anhören müssen, seit ich meine Gedanken bezüglich eines eventuellen, jetzt bestätigten Aspergerverdachts laut geäußert habe. Ich wusste zwar, dass Leute so reagieren, habe es ja bei meinen Nachbarn oft gesehen. Dass das aber von nahestehenden Personen kommt, das sticht. Sogar der Herr Gatte war extrem skeptisch und hat mich schräg angeschaut. *

Das ist ein Grund, warum ich so lange das Maul nicht aufgemacht habe. Nur bei sehr guten Freunden habe ich mich getraut, ganz leise die Idee zu äußern.

Ich habe mich sehr ausgiebig mit dem Thema beschäftigt. Ich hab das Internet durchforstet, ich habe Vergleiche gezogen, ich habe in Gesprächen mit der Nachbarin gut zugehört und versucht, das mit unserer Situation zu vergleichen.

Dann, als ich mir etwas sicherer war, habe ich mich erst getraut, meine Nachbarin, als Expertin sozusagen, mit ins Boot zu ziehen.

An einem Elternsprechtag von Kind1habe ich dann irgendwann einfach mal gedacht- was kann es schon schaden?- und habe mich der Lehrerin anvertraut – zumindest, was Kind1 angeht.

Von beiden Seiten habe ich die moralische Unterstützung bekommen, die ich gebraucht habe.

Ich habe angefangen, Fachliteratur zu lesen, und auch wieder verglichen: Was passt auf mich, was passt auf Kind1? Was passt auf keinen von uns? Wie viele Übereinstimmungen gibt es? Genug, dass man sagen kann: „Jep, an meinem Verdacht scheint etwas dran zu sein!“?

Und es gab Übereinstimmungen.

Ich las das Buch „Ein Leben mit dem Aspergersyndrom“ von Tony Attwood, was in Fachkreisen empfohlen wurde, und ich hatte entweder Nackenschmerzen vom vielen Nicken, oder brennende Augen, weil ich immer wieder in Tränen ausgebrochen bin. Ich habe so viele Schwierigkeiten von mir gefunden, die plötzlich eine logische Erklärung hatten, so viele Stellen, an denen ich Kind1 und mich wiedergefunden habe, und dann auch nur Dinge, die ich beim Sohn beobachte. Außerdem fand ich sogar im Buch viele Eigenarten von mir und Kind1, die nicht schlimm sind, sondern eher nur lustig (weil sie nicht einschränken, sondern eher Spleens sind), und ich amüsierte mich über mich selber.

Kurzum: Es passte sehr viel, und so langsam wurde ich zum „Experten“ . Ich weiß, das ist übertrieben, aber ich wage zu behaupten, dass ich mehr Ahnung darüber habe als Familie Müllermeierschmidt.

Jetzt stellt sich Familie Müllermeierschmidt allerdings vor mich und sagt: „Klar, wenn man lang genug sucht kann man immer irgendwas finden, um sich ein Syndrom anzudichten!“ Oder: „Andere Kinder machen das doch auch, warum soll grade Deins jetzt anders sein?“

Ja, aber das ist es doch grade. ICH war mein ganzes Leben „irgendwie anders“, konnte mir nichts erklären, aber habe- ganz aspergertypisch, wie ich jetzt erfahren habe- nie etwas zu anderen gesagt. Ich habe versucht, alles für mich selber auszumachen, ich habe nicht einmal meinen Eltern etwas gesagt.

Dann bekomme ich plötzlich eine Bestätigung: Hey, Du bist halt so, weil das Gehirn anders verdrahtet ist als das von anderen.

Plötzlich ergibt sich ein Bild, ich fühle mich nicht mehr wie jemanden, den mal eigentlich nicht mögen kann. Das erste Mal in meinem Leben traue ich mich, etwas zu sagen, andere auch darauf hinzuweisen, was anders ist. Vor allem gerne auf die lustigen Spleens (Ich glaube, das erzähle ich ein anderes Mal, das sprengt sonst alles hier 😉 ).

Was weh tut ist, dass dadurch, dass ich mich besser akzeptieren kann, andere denken, ich wolle mich produzieren. Oder meinen Sohn vor anderen bevorzugen lassen, mit Spezialbehandlung.

Ich bin anders, Kind1 ist anders. Wir müssen für uns lernen, mit dem Wissen umzugehen- aber auch diejenigen, die mit uns zu tun haben, dürfen das wissen. Man soll uns nicht anders behandeln als vorher, Samthandschuhe und so, aber ich würde mich freuen, wenn auch andere, die uns nahestehen, wüssten, warum wir soundso reagieren, und wenigstens versuchen, uns zu verstehen. Was wir nicht brauchen können ist, dass uns vorgeworfen wird zu Simulieren.

Tun wir nicht. Echt nicht.

Und wem es hilft, der darf über unsere Spleens gerne lachen. Mit uns zusammen!

*Der Herr Gatte hat uns aber, als es ans Eingemachte ging, unterstützt und vertraut und machen lassen, obwohl er immer noch skeptisch war. Sowas hilft!

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