Tassen und Eimer

Ich fragte Kind1 neulich, ob er denn gerne einmal wissen würde, wie er denn das Aspergersyndrom einem Freund erklären kann, wenn dieser fragt. An der ablehnenden Reaktion seinerseits merkte ich recht schnell: Er hatte es selber noch nicht in der Tiefe verstanden, und das war ihm peinlich. Dann etwas zu erklären, das fällt ihm sowieso immer sehr schwer, aber so war es unmöglich.

Ich beruhigte ihn schnell- er müsse das sich natürlich nicht selber ausdenken, ich würde es ihm erklären. Puh, was ein Glück, ja, bitte Mama, das möchte ich gerne wissen!

Stell dir vor, Kind1, Du hast eine Tasse. In diese Tasse kommen alle äußeren Reize hinein. Alles also, was man wahrnehmen kann über die Sinnesorgane. Hören, riechen, schmecken, fühlen, sehen.

Wenn Du jetzt also irgendwo hin gehst, wo viele Reize auf Dich einströmen, dann ist Deine Tasse ziemlich bald voll. Wenn dann noch ein weiterer Reiz dazu kommt, oder auch nur Kritik, soziale Reize, dann läuft die Tasse über. Wenn das passiert, dann weißt Du Dir nicht mehr anders zu helfen, und sehr oft reagierst Du mit einem Wutausbruch, weil es bisher das einzige ist, mit dem Du Deine Überreizung zum Ausdruck bringen kannst. Das, was Deine Tasse zum überlaufen bringen kann, kann nur ganz winzig sein, ein Blick, ein Ton, wenn etwas nicht so läuft, wie Du es Dir gedacht hast.

„Normale“ Menschen, oder sagen wir lieber Nichtautisten (in Autistenkreisen Neurotypische genannt)haben keine Tasse, NT (Neurotypische) haben einen ganzen Eimer. Bis so ein Eimer voll ist, dauert es natürlich viel länger.

Außerdem haben NT Leute noch einen weiteren Vorteil: Oben auf dem Eimer, da sitzt ein Sieb. Dieser Sieb ist für Reize durchlässig, aber nur die, die grade von Bedeutung sind, werden duchgelassen. Alle anderen, wie zum Beispiel Hintergrundgeräusche, Lichtreize, seltsame Gerüche, die JETZT GRADE nicht wichtig für die Leute sind, werden abgeblockt. Nur das wichtigste kommt in diesen Eimer hinein.

Du hast kein solches Sieb, alle Reize um Dich herum strömen sofort in Deine Tasse hinein, und füllen sie in Rekordzeit. Das heisst, Dein Kopf kann nicht unterscheiden was wichtig ist und was nicht. Wenn dann alles zu viel geworden ist, dann kannst Du auch nichts mehr aufnehmen, kannst Dich nicht mehr konzentrieren.

Dann gibt es noch einen anderen Punkt, an dem Autisten Schwierigkeiten haben, und das ist das Erkennen von sozialen Signalen.

Klar, Du weißt, dass jemand fröhlich ist wenn er lacht, traurig ist wenn er weint, und wenn er schimpft ist er höchstwahrscheinlich wütend. Das hast Du gelernt, das kannst Du erkennen.

Wenn jetzt aber jemand ganz freundlich lächelt, und auch schon mal lacht, dann merkst Du als Autist nicht, dass die Person vielleicht auch gleichzeitig traurig sein kann. Menschen senden außer den offensichtlichen auch noch weitere Signale aus, an denen andere die Gefühle erkennen können. NTs können das ganz instinktiv, schon vom Kleinkindalter an. Autisten können das nur versuchen zu lernen und zu interpretieren, mit ihren Gedanken und dem, was sie schon gelernt haben bisher. Aber oft liegt man einfach auch daneben…

Das kannst Du Dir so ungefähr vorstellen wie bei Katzen und Hunden. Hunde wedeln mit dem Schwanz, wenn sie zeigen, dass sie sich freuen und vielleicht auch Spielen wollen. Katzen wedeln mit dem Schwanz, um den Gegenüber zu warnen: Ich bin sauer und ich kratze dich gleich, wenn Du mich nicht bald in Ruhe lässt. Der Hund sieht dann den wedelnden Schwanz bei der Katze, denkt, sie will spielen,und springt so lange um die Katze herum, bis er von ihr eine geknallt bekommt. Der Hund steht dann verwirrt da: Was habe ich falsch gemacht?? Warum ist die Katze jetzt sauer auf mich?

Katzen und Hunde haben aber einen Nachteil: Sie können keine Worte benutzen um mal nachzufragen, wie etwas gemeint ist. Wir können einfach fragen: Kannst Du mir bitte sagen, wie Du das meinst? Und dann können wir von unserem Gegenüber Antworten bekommen, die wir besser verstehen können. Gut, oder?

Das ist überhaupt das tolle an Autisten: Sie können super logisch denken! Eine logische Erklärung von jemand anderem, und man versteht plötzlich alles viel besser!

Um das ganze zu üben, ging Kind1 kurz danach zum Herrn Gatten und erklärte es ihm. Herr Gatte war beeindruckt und zufrieden, und Kind1 ebenfalls.

Lustig war es dann, als ich Kind2 später von den Eimern und Tassen erzählte, um ihr zu erklären, was im Moment bei uns vorgeht… und kurz danach lief sie zum Herrn Gatten und fragte nach: „Papa, hast Du eigentlich einen Eimer?“ Gut, dass er schon eingeweiht war, da war die Verwirrung nur sehr kurz 😉

Kind1 ist jetzt jedenfalls sehr glücklich, eine kurze und knappe und einfache Erklärung zu haben, falls er einmal in die Verlegenheit kommen sollte, alles erklären zu müssen. Finde ich gut!

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