Heute so

Sommerferien sind schlecht für mich.

Den ganzen Tag ist jemand um mich, meine Routinen werden durcheinander geschmissen, ich kriege mich nicht mehr organisiert.

Bisher habe ich es einfach darauf geschoben, dass einfach immer so viel los war, dass ich nicht dazu kam, etwas zu tun. Das war die letzten Tage aber eigentlich nicht so. Ich hätte mein Pensum erledigen können, habe es aber nicht geschafft. Es lag auch nicht an mangelndem Willen, denn ich wollte den ganzen Scheiß erledigen.

Ich habe es einfach nicht geschafft. Ich bin im Haus herumgelaufen wie ein aufgescheuchtes Huhn, mal hierhin, mal dahin, habe dies angefangen, dann wieder liegen gelassen. Immer mit dem Hintergedanken, dass sowieso gleich wieder ein Kind etwas von mir will, ich wieder springen muss. Hätte mich auch wirklich jedes Mal ein Kind angesprochen, ich hätte nicht weniger geschafft. Nur die Tatsache, dass ich in den Ferien nie mal alleine sein kann reicht schon, die Anspannung steigen zu lassen.

Ich bin gereizter als sonst, fahriger, empfindlicher, zittriger, angespannter.

Exakt das gleiche hatte ich letztes Jahr. Da hatte ich in den Ferien etwas, das ich jetzt im Nachhinein als einen Shutdown erkenne.

Während Overloads und Meltdowns (beide ebenfalls oben im Link erklärt) bei mir nicht selten sind, war der Shutdown ganz neu und erschreckend.

Ich konnte nichts mehr ertragen, hörte nur noch Rauschen in meinen Ohren, konnte Gesprächen nur noch mit Mühe folgen, sprechen war körperlich anstrengend, und jedes überraschende Geräusch hat mir Schmerzen im ganzen Körper verursacht. Obwohl ich kaum noch gehört habe wegen des Rauschens war Kinderlachen unerträglich, weil es so hell ist, und hat mich, wie jedes andere helle Geräusch auch, sofort in Tränen ausbrechen lassen. Ein Löffel, der beim Umrühren an die Tasse stupst? Heulen.

Ich hätte mich am liebsten in einer Ecke verkrochen und wäre nicht mehr herausgekommen, aber ich musste funktionieren…musste einfach… nur noch aushalten bis zum Ferienende, dann würde alles gut.

Ich weiß nicht wie, aber ich habe es ausgehalten. Irgendwann waren die Ferien zuende, die Kinder wieder in Schule und Kindergarten, und ich war ein Wrack. Noch 4 Wochen nach den Ferien krebste ich nur so vor mich hin, tat tagsüber gar nichts, oder nur das nötigste, und wusste nicht was mit mir los ist. Nur: Mutter kaputt, funktioniert nicht mehr richtig.

Und ich bin jetzt im Moment wieder auf dem Weg dahin.

Heute war ein Tag, an dem meine Tasse extrem voll war. Kurz vor platzen. Extrem angespannt. Und ausgerechnet heute hatten wir lieben Besuch.

Als der erste ankam hatte ich grade Ohrstöpsel in den Ohren und festgestellt, dass sprechen jetzt nicht klappt. Er fragte, wie es geht, und ich antwortete mit einem Brummen. Irgendwann konnte ich dann- mit abgewandtem Blick- kurz erklären: Tasse voll!

Das gute an lieben Freunden ist, dass sie dann sagen: „Ah, okay!“ und nicht beleidigt oder traurig sind, wenn ich nicht sprechen kann. Danke dafür!

Es ging weiter mit Familienbesuch. Die Familie weiß um die Besonderheiten von Kind1 und mir, und so hat niemand auch nur schräg geguckt, wenn ich zwischendrin mal eine Alleinpause im Schlafzimmer brauchte, und niemand hat mit der Wimper gezuckt, als ich das Abendessen nur mit Ohrstöpseln ertragen konnte.

All das war wirklich toll an einem nicht so tollen Tag.

Aber leider sind da immer noch die Grenzen, die ich mir selber mal gesetzt habe, die, die mich unauffällig machen. Ich würde nie in Gesellschaft anderer anfangen zu „flattern“, also die Hände wie Flügel zu bewegen (wobei ich leicht anders flattere), was ziemlich aspergertypisch ist (Lustige Geschichte dazu: Nachbarin erzählte, dass ihre Aspietochter so total aspietypisch mit den Händen flattert wenn sie aufgeregt ist, daraufhin sagte ich: „Naja, so ungewöhnlich ist das ja eigentlich nicht, das mach ich doch auch oft!“ …ich hätte es schon vor Jahren wissen können 😉 ). Stattdessen balle ich die Fäuste und stecke sie in die Hosentasche. Zum Spannungsabbau brauche ich aber das flattern und hin und her rennen oder springen, grade wenn ich so stark angespannt bin wie zum Beispiel heute. Ich hatte aber noch Abendessen vorzubereiten und konnte nicht flüchten. Also nutze ich jede Gelegenheit, wenn grade niemand hinsah, um mit den Händen zu flattern. Ich bin mir nicht so sicher, dass es nicht doch aufgefallen ist, und ich war auch kurz davor, allen mitzuteilen, dass ich jetzt mal ne Weile was total komisches machen muss- aber dann siegte mein antrainiertes Verhalten. Es war mir peinlich, so „öffentlich“ die Kontrolle zu verlieren, weil man „sowas“einfach nicht macht. Auch wenn alle echt verständnisvoll waren, sie sehen diesen Teil der Aspieseite normalerweise nicht so. Sogar vor dem Herrn Gatten zeige ich das nur sehr selten.

Und was lerne ich daraus?

Vermutlich wieder einmal nix, und mache weiter wie bisher.

Allerdings bin ich in meinem Entschluss, eine Diagnose machen zu lassen, einen deutlichen Schritt weiter. Vielleicht traue ich mich, mit einer offiziellen Diagnose in der Tasche, mehr ich selber zu sein? Es geht ja darum, mir selber helfen zu können, nicht kaputt zu gehen. Und anderen zu erklären, dass das zwar grade seltsam ist, aber ich bin halt seltsam. Und die Dinger, die ich sonst „heimlich“ mache, gehören irgendwie zu mir dazu…

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