Spontan

Weil ich auf einen Kommentar im vorletzten Artikel beinahe super viel zum Thema Spontaneität geantwortet habe, dachte ich mir, dass ich statt einer Antwort lieber ein eigenes Posting mache. Hier ist er ^^ Übrigens ziemlich ungefiltert alles rausgeschrieben, keine große Blogschreibekunst. Manchmal auch abschweifend. Egal, es wollte gerne raus =)
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Früher war ich mir sicher, dass ich die Spontaneität in Person bin. Du willst Kaffee trinken kommen? Klar, komm einfach her! Die Kinder wollen spielen? Logisch! Ich muss etwas besorgen? Ab in die Stadt!

Ich habe immer wieder ganz oft Besuch, der spontan kommt. Kein Problem.

Dadurch, dass ich mir sicher war, so spontan zu sein, habe ich mich sehr lange sehr schwer getan, diese Aspergersache zu sehen. Asperger sind doch nicht spontan, brauchen oft Vorbereitungszeit, genaue Informationen über den Ablauf- VÖLLIG anders als ich, die ich SO SPONTAN bin!

Wenn man sich meine Spontaneität aber man von der Nähe betrachtet, dann sieht man, dass ich sehr spontan sein kann, wenn es darum geht, jemanden zu mir nach Hause einzuladen. Du willst nen Kaffee? Klar, komm her, kriegste einen!
Werde ich aber gefragt: „Kaffee? Willst Du einen? Komm doch einfach her!“ muss ich überlegen- geht es grade? Wo muss ich dafür hin? Kann ich mir Zeit nehmen? (und mit „kann“ meine ich auch „will ich es können“/ „kann ich es grade zulassen, etwas anderes als geplant zu machen“) Ist es zu Freunden im Ort und Nachbarn, dann geht es schon mal. Ich kann ja schnell wieder nach Hause.

Was meist nicht geht ist, dass ich zu Leuten gehe, die ich noch nicht so gut kenne, deren Wohnung ich nicht so gut kenne. Kindergartenfreundeeltern. Die dürfen GERNE bei mir einen Kaffee trinken kommen. Wenn ich nicht weiß was ich sagen oder tun kann, dann kann ich immerhin noch irgend etwas „tun müssen“, oder etwas zeigen, zu irgendetwas aus dem Haus eine Story erzählen. Aber was sage ich im Haus von anderen? Wenn ich Planungszeit habe, dann überlege ich mir vorher etwas, um peinliches Schweigen plattzuplappern.

Spontan kann ich sein, wenn ich die Umgebung kenne. Ich muss einkaufen/shoppen? Kein Problem, ich kenne meine Läden! GERNE mache ich es nicht, vor allem Kleidung kaufen, aber wenn es sein muss dann geht es. Und sogar problemlos spontan.

Wenn ich etwas brauche, von dem ich weiß, dass es das nicht in meinen Stammgeschäften gibt, dann geht es nicht spontan. Ich muss mir eine Liste schreiben was ich brauche, dann muss ich den genauen Ort wissen wo ich es bekommen kann. Am besten ist es, wenn ich im Internet schon mal angucken kann wie es da aussieht. Dann suche ich mir einen Tag aus, der in näherliegender Zukunft ist („Nächste Woche Dienstag“). Für Tag plane ich, wann ich los fahren muss um pünktlich zu der von mir bestimmten Zeit da anzukommen. Wenn ich später bin werde ich sehr kribbelig, auch wenn es rein logisch nicht zu spät wäre. Dann betrete ich das Geschäft,bin überfordert von der Menge an neuen Eindrücken. Wenn man mich fragt ob ich etwas bestimmtes suche lehne ich immer erst die Hilfe ab, ich muss selber sehen was es gibt und was ich brauche. Wenn jemand daneben steht und mir beim Entscheiden zuguckt, dann geht gar nichts mehr. Der Gatte lässt sich gerne beraten, das wäre nichts für mich. Ich laufe lieber halb weggebeamt herum, murmele manchmal vor mich hin und versuche klar zu kommen. Oft verlasse ich dann auch das Geschäft ohne etwas gekauft zu haben.
Das gute daran: Beim nächsten Mal, wenn ich spontan etwas aus dem Geschäft brauche, dann kenne ich es schon und muss nur noch bedingt die Rahmenbedingungen im Auge behalten 😉 Ich brauche spontan etwas aus dem Laden? Klar doch!

Ich kann spontan sein wenn es um Veranstaltungen geht. Kino! Jetzt? Klar! Ich kenne das Kino, weiß wo ich parken kann.

Wenn ich aber irgendwo hin muss, wo ich mich nicht auskenne, dann geht spontan nicht. Kino in Stadtetwasweiterweg? WAS, JETZT GLEICH?? Sowas kann ich eigentlich schon direkt knicken. Ich brauche ja meinen genauen Plan wie ich hinkommen kann, zu welchen Zeiten ich wo sein muss. Kann ich direkt nebenan parken? Muss ich vielleicht erst mal irgendwo anders hin? Finde ich überhaupt den Weg? Wie lange dauert die Fahrt?

Im Grunde kann man sagen, dass ich wirklich spontan sein kann, wenn ich schon weiß was mich erwartet. Es gibt immer kleinere Veränderungen, aber wenn die Umgebung bekannt ist, der Weg dahin, die Zeit die ich benötige- soll ich kommen? Klar, bin unterwegs.

Sobald die Sache neu ist und ungewiss, dann geht spontan nicht. Nur mit genauer Vorbereitung, mit augedruckten Wegplänen, Zeiten, mit viel eingerechnetem zeitlichen Puffer, damit ich auch rechtzeitig pünktlich ankomme. Und mit pünktlich meine ich „lieber eine Stunde zu früh als 3 Minuten zu spät“. Aber auch so stresst es mich extrem. Vorher bei der Planung, während der Fahrt…

Aber auch da sieht es anders aus, wenn ich jemanden dabei habe. „Kommst Du spontan mit ins Kinoinderandernstadt? Ich fahre hin!“ Klar, nur kurz zu Hause checken ob es passt, und ab dafür!
Wenn ich mit jemandem unterwegs sein kann, dann hänge ich mich hinten dran wie ein Entenküken hinter die Mutter. Ich watschele hinterher und lasse mich führen. Gerne auch in die Irre, denn ich bin so beschäftigt aufzupassen, meine Entenmama nicht zu verlieren, dass ich mir meine Umgebung nicht so merken kann.Der Gatte ist übrigens eine ziemlich gute Entenmama mit gut ausgeprägtem Orientierungssinn- hervorragend für mich 😉

Für die Kinder musste ich ziemlich viel Spontaneität lernen- oder zumindest entspannt und cool zu tun, während ich innerlich wie wild mit den Armen herumfuchtele und nicht weiß was zu tun ist. Für die Kinder bin ich die Entenmama- vielleicht nicht nur die Entenmama, sondern eventuell sogar die richtige Mama 😉 – der sie hinterher watscheln. Für die Kinder habe ich sogar gelernt, um Hilfe zu bitten (und war erstaunt, dass man sie ja meist auch einfach so bekommt 😉 ). Mit Kind2 habe ich mich mal- peinlich, peinlich, im Kreishaus verlaufen, trotz akribischer Planung. Die Planung bezog nur leider das labyrinthartige Innere nicht mit ein 😉 Ich habe es aber geschafft den Weg zu finden, und ich habe es geschafft, dass Kind 2 nicht meine Panik zu spät anzukommen mitbekommen hat. Bin heimlich ein bisschen stolz darauf.

Von meiner spontansten Aktion, die, wenn man sie genauer betrachtet, rein gar nicht spontan war, muss ich eben auch noch erzählen.

Als ich dieses Jahr einen ziemlich großen Preis gewonnen habe, der den Besuch eines Kurses beinhaltete, bin ich nach dem Gewinnbenachrichtigungstelefonat (deutsche Sprache ist super ^^) 2 Stunden im Wohnzimmer mit den Armen flatternd hin und her gelaufen. Vor Freude, Aufregung, und auch vor Angst vor meiner eigenen Spontaneität. Wenn ich den Gewinn nämlich annehmen würde, dann würde es heißen, noch in der gleichen Woche das Seminar zu besuchen. IN DER GLEICHEN WOCHE!!! Das hieß 4 Tage später!!! Ich solle mich doch bitte melden und bescheid sagen.

Nachdem ich noch eine ganze Weile flatternd und springend im Wohnzimmer gerannt bin (Ich sags Euch, da ist jetzt eine Vertiefung, wo ich gelaufen bin!) und mit dem Gatten telefoniert habe… habe ich zugesagt. Spontan den Samstag komplett umgeplant, spontan zu einer Veranstaltung an einem Ort, an dem ich noch nie gewesen bin, spontan dahin, obwohl ich niemanden kennen würde. Obwohl ich nicht wusste, was genau mich inhaltlich erwarten würde. Obwohl ich nicht wusste, ob und wa sich mit den anderen Kursteilnehmern sprechen sollte.
Ich habe mir alles akribisch aufgeschrieben, jede Bahn die ich nehmen muss, jede Haltestelle, die Fahrtzeiten, habe die Wegbeschreibung parat, Zeitpuffer eingerechnet…

Und ich habe es geschafft. Ich war unglaublich stolz hinterher, aber auch wirklich, wirklich overloaded…

Obwohl ich ja Zeit genug hatte, alles genau zu planen, kommt mir das immer noch sehr spontan vor. Aber vielleicht, weil meine Definition dessen etwas anders ist als die von anderen? 😉

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