Wenn ich nicht sprechen kann

Meine Nachbarin fragte mich heute morgen per Instant-Messenger, wie das denn so ist, wenn ich mal wieder nicht sprechen kann. Weil das über das Handy so mühsam ist, darüber zu schreiben, und ich außerdem auch frühstücken musste, habe ich sie auf später vertröstet. Aber das hat mir auch mal wieder eine gute Blogeintrag-Idee gegeben. ^^

Jetzt also hier die Antwort, ausführlich und nicht in Instant-Messenger-Stil 😉

Okay, wo fange ich an? Dass ich nicht mehr sprechen kann, das passiert ja nicht einfach so. Da ist immer noch mehr.

Wenn ich nicht mehr sprechen kann, dann bin ich eigentlich schon mitten in einem Overload, auf dem Weg zum Shutdown, oder auch da schon mittendrin. Ein „Bisschen Overload“ macht nicht, dass ich nicht mehr sprechen kann, da muss ich nur flattern und manchmal etwas herumspringen. Es muss also schon irgend etwas größeres vorher gewesen sein, denn alles ist mir dann zu viel. Zu viel Licht, zu viele Geräusche, zu viele Aufgaben, zu viele Menschen.

Wenn ich mich zurückziehen kann, dann geht es bald wieder besser, und auch Sprechen geht irgendwie.

Wenn ich mich nicht zurückziehen kann, weil ich noch Sachen erledigen muss, dann wird es immer schlimmer. Dann stresst es mich schon, die Reihenfolge von einfachen Handgriffen hin zu bekommen, weil ich währenddessen vergesse wie es geht, außerdem schieben sich im Kopf die zu erledigenden Aufgaben durcheinander. Dann laufe ich, zum Beispiel beim Kaffeekochen, um ein simples Beispiel zu nehmen, zum Kaffeepulver, nehme es, stelle es ab, und gehe dann wieder weg, weil eine andere Aufgabe (Wäsche waschen, vielleicht?) in meinem Kopf aufplöppt. Ich gehe in Richtung Waschmaschine, aber währenddessen fällt mir auf, dass ich ja grade Kaffee koche, und laufe zurück. Dann wieder weg, weil mir etwas anderes in den Sinn kommt, wieder zurück- ich lege Kilometer um Kilometer hin und mache trotzdem gar nichts. Um beim Kaffeekochen zu bleiben: Wenn ich Glück habe, dann habe ich am Ende einen Kaffee. Wenn ich Pech habe, dann habe ich nur mehr Chaos veranstaltet, weil ich alles ohne Sinn und Verstand ausgeräumt habe.

Wenn ich sowieso schon im Overload bin, stresst mich mein eigenes Unvermögen, die einfachsten Sachen zu tun, noch viel mehr. Meine gesamte Konzentration geht darauf, die Reize um mich herum auszublenden, die Aufgabe irgendwie zu erledigen.

Meist überfordert mich so etwas alleine ja schon völlig, aber dann sind da ja noch 3 Kinder, die etwas von Mama wollen, ein Gatte, der vielleicht auch noch etwas will. Wenn ich aber in diesem Zustand sprechen muss, dann reagiere ich zuerst gereizt, belle nur kurze Worte, die mich aber schon extrem auslaugen.

Wenn es weiter geht, ich keine Zeit für eine Ruhepause habe, dann wird auch sprechen schwerer. Oft habe ich dann schon längst meine Ohrstöpsel drin, die aber kaum den Lärm abhalten können- auch wenn die Stöpsel gut sitzen habe ich das Gefühl, dass um mich herum alles unerträglich laut ist. Ich habe das Gefühl, dass ich gegen dieses ganze LAUT nicht ankomme, es nur noch schlimmer mache, wenn meine Stimme dazu kommt.

Dann wird es auch körperlich schwer, zu sprechen. Den Mund zu öffnen, die Stimmbänder, die Lunge zu aktivieren, um etwas zu sagen, ist in etwa so schwer, wie die Augen offen zu halten, wenn man ganz kurz vor dem Einschlafen ist. Es geht, irgendwie, manchmal, aber es kostet viel, viel Kraft. Flüstern geht manchmal noch, aber nur wenige Worte. Denn eigentlich ist die ganze Kraft sowieso schon weg.

Außerdem fühlt es sich so an, als ob ein ganz schweres Gewicht auf mir liegt. Der ganze Overload zerdrückt mich, und ich habe auch manchmal das Gefühl, dass dieser Druck, diese Schwere auf allem,  meinen Mund zudrückt, und auch auf meinem Hals und meiner Brust liegt. Ich kann nicht sprechen, wenn etwas auf meinem Mund und Hals und Brust liegt, das nimmt mir den Atem.

Ich werde nicht ganz stumm, und wenn ich sage ich „kann nicht sprechen“, dann ist das nicht komplett richtig. Mit viel Mühe kann ich es, aber es fühlt sich trotzdem so an, als würde es nicht gehen.

Leider kann ich, wenn ich nicht sprechen kann, auch nicht richtig kommunizieren , dass jetzt grade nix geht. Da muss ich mir noch etwas sinnvolles einfallen lassen…

Zusammenfassend lässt sich eigentlich sagen: Wenn mich alles überschwemmt, dann ist mein Körper zu sehr damit beschäftigt, die einfachen Dinge hinzubekommen (gehen, Augen auf halten, nicht umfallen…), dass er die komplizierteren  Sachen lieber gar nicht erst haben will….

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Wenn ich nicht sprechen kann

5 Gedanken zu “Wenn ich nicht sprechen kann

  1. Die Nachbarin schreibt:

    Vielen Dank für die ausführliche Beschreibung. Du hast mir wieder einmal geholfen mein Asperger Mädchen etwas besser zu verstehen. Manchmal ist es einfach nur so konträr, dass es für mich schwer nachzuvollziehen ist. Einmal brabbelt sie unaufhörlich vor sich hin und man kann sie gar nicht stoppen (zugegebenermaßen höchst selten bei ihr😉) und ein anderes Mal ist nichts aus ihr rauszukriegen. Man merkt, dass sie etwas sagen will, aber sie kann einfach nicht. Furchtbar für sie, aber auch für mich, ich würde ihr ja gerne helfen, kann aber nichts tun. Wir haben versucht es über schreiben zu lösen, aber wenn ich bei Dir lese, wie anstrengend das alles für Dich ist, verstehe ich jetzt, warum sie das dann auch nicht kann. Sicherlich ist ihr das auch zu viel😐.
    Herzliche Grüße von Nebenan😊.

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    1. Grade was die Reizüberflutung angeht ist Asperger und Hochsensibilität doch ähnlich, warum sollte die Auswirkung dann nicht ähnlich sein? Klar ist das bei mir auch eine Auswirkung auf die Reizüberflutung, aber ich kann leider nicht vergleichen, wie das bei Hochsensibilität ist, denn das bin ich ja nicht 😉

      Grüßlis
      Katha

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  2. Ich kann mich meiner Vorrednerin, der Nachbarin, nur anschließen: Ich finde es immer wieder wahnsinnig spannend deine Beiträge zu lesen! Und Marc auch! 🙂

    Das mit dem nicht sprechen können kommt mir übrigens leider sehr bekannt vor. Wenn ich in einen Overload oder sogar in einen Meltdown gerate, dann fällt es mir super schwer zu sprechen. Da ist dann jedes einzelne Wort einfach nur anstrengend, sodass ich oftmals nur noch irgendwelche Laute von mir gebe – wenn ich überhaupt noch reagiere. Marc hat zum Glück mittlerweile verstanden, dass es in solchen Momenten dann besser ist, nur das Nötigste mit mir zu besprechen und mich nicht mit irgendwelchen unnötigen Fragen oder so zu bombardieren. Das hat mich nämlich in der Vergangenheit erst recht geradewegs einen Meltdown katapultiert.

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